Als sich im April ein Zeitfenster von gut zwei Wochen ergab, war für mich schnell klar: Es geht wieder auf einen Jakobsweg. Die größere Frage war wie so oft nicht, ob es wieder auf einen Jakobsweg geht, sondern welche Route es diesmal werden sollte.

Da mein Geburtstag genau in diesen Zeitraum fiel, hatte ich einige Wünsche an diesen Jakobsweg. Ich wollte einen belebten und körperlich nicht allzu anspruchsvollen Weg gehen, andere Pilger treffen und gleichzeitig etwas Urlaubsgefühl am Meer erleben. Die portugiesischen Wege erfreuen sich seit Jahren wachsender Beliebtheit. Gleichzeitig ist Porto hervorragend erreichbar, sodass kaum zusätzliche Reisetage verloren gehen. Für mein begrenztes Zeitfenster war das ideal und so fiel meine Wahl auf den Camino Portugués Küstenweg von Porto nach Santiago, allerdings mit einer Mischung aus Küstenweg, Senda Litoral und zuletzt auch noch ein paar Tagen auf dem Camino Portugués Central.
Hier gibt es mehr Infos zum Camino Portugués und den verschiedenen Varianten.

Tatsächlich begegnete ich unterwegs einigen Pilgern, allerdings verteilten sie sich auf die verschiedenen Varianten des Camino Portugués entlang der Küste. Deshalb traf ich viele Mitpilger oft nur einmal und sah sie danach entweder gar nicht mehr oder erst viele Tage später wieder. Auch die Herbergssituation war im April noch recht entspannt. Bis auf einen Tag hatte ich nie Probleme, ein freies Bett zu finden, ganz im Gegenteil. Wie schon erwähnt, sollte dieser Camino vor allem Spaß machen. Es sollte ein kleiner Geburtstagstrip werden und ich wollte mir unterwegs auch mal etwas gönnen. Ich hatte sogar gehofft, ein paar Mal in den Atlantik springen zu können, sofern das Wetter mitspielen würde, auch wenn das Wasser natürlich kalt gewesen wäre.
Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich schmunzeln. Ich hatte mir alles so schön ausgemalt, doch es kam mal wieder ganz anders. Eigentlich hätte ich es als erfahrene Pilgerin besser wissen müssen. Wie oft bereiten wir uns auf Probleme vor, die am Ende nie eintreten, und stattdessen passieren völlig andere Dinge die uns herausfordern? Auf meinen Jakobswegen trifft das ehrlich gesagt fast immer zu.

Die größte Überraschung wartete in Form von Wind auf mich. Wind an der Küste im April? Come on Ela, so überraschend ist das nun wirklich nicht. Stimmt. Mit solchen Sturmböen hatte ich allerdings nicht gerechnet. Besonders am zweiten Tag war der Wind entlang der Küste so stark, dass das Vorankommen sehr mühsam wurde. Der aufgewirbelte Sand peitschte gegen Beine, Arme und vor allem ins Gesicht. Teilweise fiel es mir sogar schwer, die Augen offen zu halten. Kein Wunder also, dass an diesem Tag ungewöhnlich viele Pilger schon früh eine Unterkunft suchten um dem Wind zu entgehen. Wie sich herausstellte, steuerten viele dieselbe Herberge an wie ich. Als ich dort ankam, war das letzte Bett allerdings wenige Minuten zuvor vergeben worden.
Die Herbergsmutter fand trotzdem eine Lösung und stellte mir eine Matratze in einem kleinen Haushaltsraum zur Verfügung. Manche würden das vermutlich als Pech bezeichnen. Für mich fühlte es sich am Ende eher wie Glück an. Ich hatte ein Dach über dem Kopf, eine Matratze und sogar einen, wenn auch sehr kleinen, Raum ganz für mich allein. Für alle, die jetzt denken, das wäre trotzdem nichts für sie gewesen: Es gab im Ort noch einige günstige Privatzimmer, die die Herbergsmutter für weitere Pilger organisierte. Für mich war es aber viel schöner, in einer Herberge mit anderen Pilgern zu sein, als allein in einer Privatunterkunft. Außerdem wollte ich das gesparte Geld lieber am Abend für ein leckeres Essen in einem Restaurant ausgeben.

Interessanterweise schlief ich nach dieser Erfahrung in der vollen Herberge sogar mehrfach allein oder mit nur einer anderen Person in Mehrbettzimmern mit acht bis zwölf Betten und das obwohl ich, bis auf zwei Ausnahmen, keine Unterkünfte reserviert hatte. Selbst diese beiden reservierte ich erst spontan ein oder zwei Tage vorher. In den letzten Jahren und vor allem seit der Pandemie reservieren viele Pilger ihre Unterkünfte bereits Wochen oder sogar Monate im Voraus. Dadurch entstehen manchmal kuriose Situationen. Öffentliche Herbergen, die keine Reservierungen annehmen, bleiben vergleichsweise leer. In meinem Fall kam außerdem hinzu, dass einige private Herbergen sowohl Mehrbettzimmer als auch Privatzimmer hatten. Die Privatzimmer waren dann häufig von Paaren reserviert, während ich das Mehrbettzimmer teilweise ganz für mich allein hatte.

Diese Erfahrung zeigt, dass spontanes Pilgern auf dem Camino Portugués nach wie vor gut möglich ist und sich immer eine Lösung findet. Für mich war das trotzdem etwas überraschend, denn eigentlich wollte ich auf diesem Jakobsweg in Portugal bewusst unter Menschen sein. Stattdessen hatte ich oft keine Mitpilger im Zimmer. Natürlich hatte das auch seine Vorteile, vor allem einen erholsameren Schlaf.
Meine größte Herausforderung wartete allerdings erst auf den letzten Etappen. Einige Tage vor Santiago wurde ich krank und kämpfte mit einer Erkältung. Besonders am letzten Wandertag machte sich das deutlich bemerkbar. Ich ging langsamer als sonst, legte viele Pausen ein und achtete darauf, ausreichend zu trinken. Als ich schließlich in Santiago de Compostela ankam, stand für mich nur noch eines auf dem Programm: schlafen.
Zum Glück ging es mir schnell wieder besser und pünktlich zu meinem Geburtstag fühlte ich mich wieder fit. So konnte ich den Tag gemeinsam mit einigen Pilgerfreunden verbringen. Es war ein schöner Abschluss für einen Camino, der mal wieder ganz anders verlief als erwartet, mit Sturm, weniger Pilgern als gedacht und einer Erkältung kurz vor dem Ziel.

Aber genau das macht das Pilgern auf dem Jakobsweg für mich aus. Man weiß wirklich nie, was einen erwartet. Und selbst nach acht Jakobswegen hat mir dieser Camino Portugués auf über 250km von Porto nach Santiago wieder gezeigt, dass man nie alles planen kann. Mal sind es die Füße, mal die Hitze, mal der Wind oder eben eine Erkältung kurz vor Santiago. Kein Camino gleicht dem anderen. Unterschiedliche Routen, andere Jahreszeiten, wechselnde Wetterbedingungen und neue Begegnung mit Menschen machen jeden Weg zu einer neuen Erfahrung. Das ist einer der Gründe, warum ich und auch viele andere Pilgerbegeisterte immer wieder losziehen.
Und natürlich schleicht sich am Ende schon wieder die Frage in meinen Kopf: Welcher Jakobsweg wird wohl der nächste? 😊
PS: Wenn du mehr Eindrücke von meinem Camino Portugués im April sehen möchtest, schau gerne auf Instagram vorbei. Dort findest du den gesamten Weg nach wie vor in meinen Story-Highlights.